Ökonomische Stabilität, Nachhaltigkeit und neue Lebensqualität durch eine Postwachstumsökonomie

Ungern löst man sich von einem Paradigma, das in der Vergangenheit erfolgreich war. Wirtschaftswachstum ist ein solches Paradigma. Es hat über Jahrzehnte unseren materiellen Wohlstand erhöht, den Ausbau der sozialen Sicherungssysteme ermöglicht und so letztlich auch unsere Demokratien stabilisiert. Warum stößt Wirtschaftswachstum in materiell reichen Gesellschaften nun an seine Grenzen?

Zunächst ist festzuhalten, dass unser „erfolgreiches“ Wirtschaftssystem immer ambivalent war. Der real existierende Kapitalismus hat m. E.  drei große Mängel: er akkumuliert Reichtum bei den Habenden statt Mittel dort verfügbar zu machen, wo sie wirklich gebraucht werden. Das heißt, er wirkt ausschließend und produziert Hunger. Zweitens beutet er die Natur aus, er ist maßlos und nicht nachhaltig. Drittens wirkt er als großer Verführer bei denen, die er einschließt, in dem er sie süchtig macht und ablenkt vom wirklichen Leben. Er produziert am Bedarf vorbei und schafft künstliche Bedürfnisse, anders ist die riesige globale Werbemaschinerie nicht zu verstehen. Der vermeintliche Wachstumszwang verdonnert zum „Konsumieren-Müssen“.

Als viertes kommt nun hinzu, dass der Kapitalismus offensichtlich nur mehr „funktioniert“ mit exorbitanter öffentlicher Verschuldung – nach dem Motto „Privatisierung der Gewinne – Sozialisierung der Folgen“. Spätestens die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, dass das System in sich instabil ist. Meine These lautet nun: In den materiell bereits reichen Gesellschaften Wege in eine Postwachstumsökonomie zu finden, trägt wesentlich zur ökonomischen Stabilisierung bei und es ist Vorrausetzung für  ökologische Nachhaltigkeit.

Fünf Argumente für  Wirtschaftswachstum und fünf Argumente dagegen

In meiner Studie „Wirtschaften jenseits von Wachstum?“ im Rahmen des Projekts „Wachstum im Wandel“ habe ich fünf Argumente behandelt, die in der Regel für Wirtschaftswachstum ins Treffen geführt werden, und deren Brüchigkeit untersucht.

1)  Wirtschaftswachstum bringt uns mehr Wohlstand.

2)   Wirtschaftswachstum sichert unsere Sozialsysteme.

3)   Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze.

4)   Wirtschaftswachstum ermöglicht erst, dass wir uns Umweltschutz leisten können.

5)    Wirtschaftswachstum ist nötig, um Kreditzinsen begleichen zu können, die Unternehmen, Staaten oder Einzelpersonen aufgenommen haben.

Argument 1 ist mittlerweile durch Ergebnisse der Zufriedenheits/Glücksforschung widerlegt: ab einem gewissen materiellen Wohlstandsniveau steigt die Zufriedenheit nicht mehr. Es findet eine Entkoppelung von BIP und Lebensqualität statt.

Argument 2 gilt nur mehr bedingt: eine neue Steuerbasis, die den Verbrauch von Ressourcen und die Anhäufung von Vermögen stärker besteuert, kann die sozialen Sicherungssysteme auch ohne BIP-Wachstum gewährleisten.

Argument 3 hat auch bisher nur mehr bedingt gestimmt. Das Erwerbsarbeitsvolumen ist bereits jetzt trotz Wirtschaftswachstum rückläufig. Arbeit in der Postwachstumsgesellschaft wird neu definiert: die verbleibende Erwerbsarbeit wird gerechter verteilt, die Arbeitszeiten werden tendenziell verkürzt – beweglichere Erwerbsbiografien ermöglichen den jeweiligen Lebenslagen angepasste Wunscharbeitszeiten für Männer und Frauen. Voraussetzung sind garantierte Mindestlöhne. Andere (über)lebenswichtige Tätigkeiten wie Sorge-, Haus- und Eigenarbeit sowie bürgerschaftliches Engagement werden aufgewertet. Modelle wären die „Dreizeitgesellschaft“ (Jürgen Rinderspacher), die Erwerbsarbeit, Eigenarbeit und Muße verbindet, oder die „Vier-in-einem-Perspektive“ (Frigga Haugg), die Erwerbsarbeit, Versorgungsarbeit sowie persönliche Entwicklung und politisches Engagement für alle verbindet.

Argument 4 stimmt leider ebenfalls nur bedingt. Die ökologische Modernisierung konnte in der Tat durch Wirtschaftswachstum finanziert werden. Im „klassischen“ Umweltschutz waren wir durchaus erfolgreich – die Wasser- und Luftqualität haben sich deutlich gebessert, der Wald wächst wieder. Teilweise haben wir den „Dreck“ freilich auch mit der Industriearbeit in die Länder des Südens „ausgelagert“. Die neue Herausforderung heißt jedoch Nachhaltigkeit und diese erfordert eine drastische Reduzierung des Ressourcenverbrauchs sowie eine Eindämmung des menschengemachten Klimawandels. Und da Effizienzgewinne bisher immer durch Mengeneffekte aufgesogen wurden, brauchen wir eine Schrumpfung des Güterausstoßes sowie Lebens- und Konsumstile der Begrenzung.

Argument 5 ist in der Tat schwer zu widerlegen. Kapitalistisches Wirtschaften basiert auf dem Zinssystem. Jene die das Kapital geben, wollen dafür Rendite. Dass dieses System in sich instabil ist, hat die aktuelle Finanzkrise gezeigt. Diese wurde bisher nur aufgeschoben durch starke öffentliche Verschuldung, was jedoch keineswegs eine Lösung darstellt. Doch die gegenwärtige „Shareholder“-Value-Fixierung und Bereicherungswirtschaft muss nicht bleiben. Geld kann wieder dienende Funktion übernehmen: Stichworte wären Niedrigzinspolitik, gesellschaftliche Ächtung der Reichtumsakkumulation, neue Unternehmensformen nach dem Genossenschafts- oder Stiftungsrecht, letztlich auch eine Begrenzung des privaten Eigentums – von Maximaleinkommen über Mitarbeiterbeteiligung an Unternehmen bis hin zu einer Neufassung des Erbrechts. Modelle wie eine Gemeinwohlökonomie zeigen an, wie dies gehen könnte.

Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft

Zentrale Bedingungen eines Übergangs in eine Postwachstumsgesellschaft wären zusammengefasst aus meiner Sicht:

  • Zurückdrängung des privaten Konsums als derzeitigem Wachstumsmotor zugunsten des öffentlichen Konsums, d. h. Ausbau öffentlicher Leistungen statt deren Kürzung. Lebensqualität hängt nämlich mindestens ebenso von der Qualität öffentlicher Leistungen ab wie vom privaten Konsum, der ökologisch und auch kulturell ohnedies problematisch ist
  • Aufwertung des Staates und der Politik als Steuerungsinstanzen, die der gegenwärtigen Akkumulationsdynamik des real existierenden Kapitalismus entgegenwirken!
  • Eine neue Arbeitszeitpolitik, die zum einen der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen entgegenwirkt, zum anderen mehr Zeitwohlstand gegenüber weiteren Lohnerhöhungen im mittleren und oberen Einkommenssegment in den Mittelpunkt rückt!
  • Abkehr vom BIP als alleinigem Wohlstandsindikator und Entwicklung von Messsgrößen für Lebensqualität (Arbeitszufriedenheit, Verteilungsgerechtigkeit, öffentliche Leistungen); zugleich Verbuchung der Negativkosten (wie ökologischer Fußabdruck).
  • Erzeugung eines öffentlichen Bewusstseins für tatsächliche Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit, was Debatten über gerechten Lohn ebenso erfordert wie über vertretbare Reichtumsunterschiede!
  • Nicht zuletzt: Entdeckung der Qualitäten einer neuen Mitmachgesellschaft jenseits der hedonistischen Vereinzelung in der gegenwärtigen Konsumgesellschaft, die Erfahrungen der Kooperation und des gemeinsamen Engagements ermöglicht und damit zu einem Wachsen von Solidarität und Gemeinschaft(en) jenseits des Konsumismus führt!

Ziel einer Postwachstumsökonomie, die eine Postwachstumsgesellschaft ermöglicht, wäre es, den ungemeinen Druck, der derzeit auf den Subsystemen der Gesellschaft lastet, zu überwinden. Druck, den die ArbeitnehmerInnen ebenso wie die (kleinen) UnternehmerInnen verspüren, Druck, der die öffentliche Hand bedingt durch die Verschuldungsdynamik ebenso knebelt wie er das Wirtschaften destabilisiert.

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2 Antworten auf Ökonomische Stabilität, Nachhaltigkeit und neue Lebensqualität durch eine Postwachstumsökonomie

  1. Pingback: Wachstum vs. Soziales? | Serdargunes' Blog

  2. Alfred Kiel sagt:

    Die wirtschaftliche Entwicklung ist maßgeblich für das Wohlbefinden der gesamten Menschheit. In wirtschaftlich starken Zeiten wird es der Bevölkerung wesentlich besser gehen als in Zeiten einer Depression. Es gibt unzählige Faktoren, welche auf die Wirtschaft Einfluss haben – Leitzinsen, Inflation, Deflation, Bevölkerungsentwicklung, technischer Fortschritt … Mit der Kenntnis über die wirtschaftliche Entwicklung lässt sich auf Profit machen (Börsen). Durch eine ganze Anzahl von wirtschaftlichen Indikatoren kann man die wirtschaftliche Entwicklung frühzeitig erkennen. Jeder ist von der Wirtschaft betroffen, umso wichtiger ist es frühzeitig über die wirtschaftliche Situation Bescheid zu wissen. Ein wirtschaftliches Grundverständnis soll von jedermann mitgebracht werden. Die Leitzinsen, Inflationserwartungen, Bankenprobleme oder das Wirtschaftswachstum betreffen im Endeffekt alle!

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