Wohlstand 2.0

„Wohlstand für alle“ – dieses Paradigma stammt von Ludwig Erhard, dem Vater unserer Sozialen Marktwirtschaft. Heute beobachten wir eine Staatsschuldenkrise im Euro-Raum, die unser ganzes europäisches Wirtschafts- und Sozialstaatsmodell ins Wanken bringen könnte, genauso wie übrigens die demographische Entwicklung Deutschlands und einen ungebremsten Klimawandel, den wir am steigenden Meeresspiegel oder den schmelzenden Polkappen ablesen können.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage: Brauchen wir ein neues Verständnis von Wohlstand? Welche ordnungspolitischen Leitplanken müssen wir einziehen, um den Zusammenhalt in Deutschland zu bewahren und den Fortschritt zu fördern? Im Deutschen Bundestag suchen wir Antworten auf diese Fragen. Seit gut einem Jahr tagt dort eine Grundsatzkommission mit dem Titel „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“.

Eine zentrale Frage ist, wie wir Wohlstand messen können. Für den Wohlstand der Menschen ist zum einen der materielle Wohlstand, also das Wirtschaftswachstum, ein wichtiger Faktor; hinreichend ist er jedoch nicht. Wir müssen ein breiteres Bild von Wohlstand und Lebensqualität in den Blick nehmen. So sind die soziale Teilhabe und die Chancengerechtigkeit wichtige Aspekte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährleisten. Gesundheit und Bildung sowie Arbeit und Umweltschutz sind weitere wichtige Facetten für einen umfassenden Wohlstandsbegriff.

Ein weiterer bedeutender Aspekt, der die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft betrachtet, ist die Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist kein neuer, zu ergänzender Aspekt, sondern ein althergebrachter, konservativer Ansatz langfristigen Wirtschaftens, dem freilich außerhalb des familiär-mittelständischen Bereichs wieder zu mehr Beachtung verholfen werden muss.

Neben einer intakten Umwelt gehören zur Nachhaltigkeit u. a., dass die Finanzen in der Privatwirtschaft so geordnet sein sollten, dass es keine Blasenbildung an den Finanz- und Immobilienmärkten gibt, gesunde Staatsfinanzen und auch hinreichend viele Investitionen in Forschung und Entwicklung, kurzum eine zukunftsgerichtete Innovationspolitik.

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen die genannten Facetten berücksichtigen, wenn sie dauerhaft Wohlstand für die Menschen in einem erweiterten Sinne, einem Wohlstand 2.0, sichern wollen. Die Regulierung der Finanzmärkte, Selbstverpflichtungen der Politik wie die Schuldenbremse, die Stärkung unabhängiger Institutionen wie der Zentralbank und ein Emissionshandelssystem zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes sind dabei wichtige Rahmenbedingungen.

von Georg Nüßlein, MdB und Obmann für die CDU/CSU-Fraktion der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“

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2 Antworten auf Wohlstand 2.0

  1. Daniel Constein sagt:

    Nach dem Lesen dieses Beitrags kann ich mich nicht entscheiden, ob ich mich freuen oder weinen soll.

    Freuen deshalb, weil offensichtlich auch die Union mit einem veränderten Wohlstandsbegriff etwas anfangen kann. Und weil die Aspekte, die neben Wachstum in den Blick der Gesellschaft gehören, kompakt aber umfassend angesprochen wurden: Umwelt, Teilhabe, Gesundheit, Bildung, Arbeit und Finanzen.

    Tränen kommen mir aufgrund der völlig inkonsequenten Verwendung des Begriffs Nachhaltigkeit. Herr Nüßlein verbindet damit neben einer intakten Umwelt vor allem die Vermeidung von Finanzblasen, eine Schuldenbremse und irgendwie auch das Emissionshandelssystem. Indem er den Begriff aufweitet und notwendige Veränderungen als “Innovationspolitik” bagatellisiert, begibt er sich auf dieselbe um Harmonie besorgte Diskursebene, an der die Nachhaltigkeitsdebatte seit 20 Jahren krankt.

    Der Tenor des Textes ist: wenn wir nur mehr Bereiche in die Wohlstandsmessung einbeziehen, lässt sich auch das bisherige Wirtschaften mit der Umwelt in Einklang bringen. Das ist, mit Verlaub, Blödsinn, und wurde von Ewringmann, Zahrnt und Co. im Meinungsbeitrag für die ZEIT im Januar 2012 bereits korrekt als solcher erkannt. Hinter die Erkenntnis, dass fundamentale Konflikte zwischen Ökonomie und Ökologie existieren, sollten wir nicht zurück fallen.

  2. Pingback: Blog – Postwachstum

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