Worüber reden wir denn eigentlich? Die Green Economy im Vorfeld von Rio+20

Vor wenigen Tagen wurde der sogenannte “Zero-draft” für die kommenden Verhandlungen zur 2012 United Nations Conference on Sustainable Development (Rio+20) veröffentlicht. Ein Hauptthema der Konferenz ist „Green Economy in the Context of Sustainable Development and Poverty Eradication“. Damit greift die Konferenz Konzepte auf, die in den letzten Jahren einige Prominenz erreicht haben: Green Economy sowie das verwandte Konzept des Green Growth.

Beide versuchen aufzuzeigen, wie die Diffusion von Öko-Innovationen gezielt beschleunigt werden kann und wie durch diese Investitionen Umweltentlastungen erzielt und sogar mit weiterem ökonomischen Wachstum verbunden werden (können).

Eugen Pissarskoi argumentiert in seinem Blog-Beitrag, dass solche Green Economy/ Green Growth-Ansätze zwar potentiell einen sehr großen Beitrag dazu leisten können, den Ressourcenverbrauch und den Druck auf Ökosysteme zu verringern. Gleichzeitig äußert er sich skeptisch darüber, dass die Ansätze tatsächlich zu absoluten Entlastungen führen. Vielmehr könne eine wachstumsunabhängige Ausgestaltung der Sozialversicherungssysteme politische Freiräume schaffen und so wirtschaftliche Entwicklungsstrategien, die auf geringes oder kein Wachstum abzielen, als Alternativ- oder Komplementärstrategien zu Effizienzsteigerungen ermöglichen.

In der globalen Debatte im Vorfeld der Rio-Konferenz finden sich unterschiedliche Vorstellungen zu dem Begriff der Green Economy, zur Frage wie dieser sich zum etablierten Konzept der Nachhaltigen Entwicklung verhält und auch zur Rolle und Notwendigkeit von weiterem Wirtschaftswachstum. Dabei lassen sich drei, teilweise verschachtelte, „Idealtypen“ identifizieren (Bär, Jacob & Werland 2011) .

Ein erster Diskurs (insbesondere im OECD Green Growth Konzept zu finden)  – „greening the existing economy“ – versteht die Green Economy als ein umweltökonomisches Wirtschaftsmodell, welches weiterhin Wachstum anstrebt, gleichzeitig aber den Erhalt von Ökosystem-Dienstleitungen („planetarische Grenzen“) als Grenzen und Risiken für zukünftiges Wachstum sieht. In dem Diskurs bleibt der Glaube an die Steuerungsfähigkeit des Marktes erhalten und der (Ab-)Nutzung von Ökosystemen wird im Wesentlichen ein Preis zugewiesen um Fehlallokationen und Übernutzung auszugleichen. Dem technologischen Fortschritt wird eine zentrale Rolle im Umgang mit Endlichkeiten und „planetarischen Grenzen“ zugewiesen.

Der zweite Diskurs – „green development“ – greift den ersten weitgehend auf, betont aber zusätzlich die soziale Dimension als dritte Säule der nachhaltigen Entwicklung. Angesprochen werden u.a. Arbeitsbedingungen („decent jobs“) und ein neuer Wohlfahrtsbegriff, der über das BIP/ BNP hinausgeht. Der „green development“ Diskurs kritisiert den ersten Diskurs als ein ledigliches „weiter-so“ und betont, dass tiefgreifende Veränderungen in Produktions- und Konsumweisen, kulturellen Vorstellungen und Wohlfahrtskonzepten notwendig seien. An dieser Stelle findet – auch wenn sie eher ein Randaspekt bleibt – die Wachstumskritik Eingang in die Debatte zur Green Economy. Aus dieser Perspektive ist Eugen Pissarskoi explizit zuzustimmen: solange das „Funktionieren vielfältiger gesellschaftlicher Systeme (Sozialsysteme, Arbeitsmärkte, Finanzsysteme, Unternehmensformen, Bildungssysteme etc.)“ eng mit dem quantitativen BIP-Wachstum zusammenhängt, sind politische Strategien, die Wachstum hinterfragen, bzw. darauf verzichten, kaum mehrheitsfähig.

Letzlich greift der dritte Diskurs – „sustainable development“ – sehr viel stärker eine Entwicklungsländerperspektive auf. Armutsbekämpfung und sozialer Ausgleich werden als primäre Ziele nachhaltiger Entwicklung beschrieben. Die Position unterscheidet zwischen der Situation in Entwicklungsländern, bei denen weiteres Wirtschaftswachstum als Notwendigkeit angesehen wird, und Industrieländern, für die der Sinn eines weiteren Wachstums stärker hinterfragt wird. Im Rahmen dieses Diskurses finden sich diverse kritische Stimmen, die in der Green Economy im Wesentlichen den Versuch sehen, Natur zu kommodifizieren und auch Ökosysteme einer Marktlogik zu unterwerfen. Die „Green Economy“ wird dabei kritisiert als „grüner Deckmantel“ mithilfe dessen Industrieländer ihre weltwirtschaftliche Position zu festigen versuchen und letztlich die Lösung der von den Industrieländern geschaffenen globalen Umweltprobleme auf Entwicklungsländer abzuwälzen.

Der Erfolg von Rio und die Vereinbarkeit konkreter Maßnahmen werden stark davon abhängen, ob es gelingt, Kompromisse zwischen diesen unterschiedlichen Vorstellungen zur Green Economy zu finden. Aufgrund der politischen Großwetterlage – mit Wachstumsnotwendigkeiten in Entwicklungsländern, der anhaltenden Wirtschaftskrise und einer auf kurzfristige Gewinne orientierten Wirtschaftsweise – werden wachstumskritische Überlegungen im Rahmen der Rio-Verhandlungen eine geringe Rolle spielen. Die Notwendigkeit, dass Industriestaaten – und dabei insbesondere die Europäische Union – in der Frage der De-Materialisierung und der absoluten Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks vorangehen, bleibt davon unberührt. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass die Frage, wie gesellschaftliche Systeme mit geringeren Wachstumsraten bzw. ohne Wachstum funktionsfähig bleiben, in vielen Staaten auf dem Vormarsch in den Mainstream zu sein scheint. Dies markiert aber auch nur die Grundlage für die dazu notwendige Debatte.

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6 Antworten auf Worüber reden wir denn eigentlich? Die Green Economy im Vorfeld von Rio+20

  1. Ines Freier sagt:

    Worüber reden wir- Green Economy als Diskurs?

    Richtig, dass hier der Diskurs zu Green Economy analysiert wird. Die Frage ist nur, wer redet hier? Die Insider aus dem inner circle der Umwelt- und Entwicklungsexperten, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen? Also die Autoren dieses Blogs? Oder sollen die Wirkungen breiter sein.

    Der Green Economy Ansatz ist ein politisches Konzept, um weltweit Überzeugungsarbeit zu leisten, dass Grünes oder Nachhaltiges Wirtschaften möglich und nötig ist. Damit ist Green Development ein Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, gewissermaßen zu deren konkreter Umsetzung. 20 Jahre nach der ersten Rio-Konferenz sind die Konzepte für nachhaltiges Wirtschaften oder eben Green Economy in der Umwelt-und Entwicklungsszene weitgehend in Pilotprojekten erprobt oder zumindest angedacht. Im Green Economy Report von UNEP werden etliche aufgezählt. Hier fängt die Überzeugungsarbeit an, dieses Wissen in die Breite zu tragen.

    Achim Steiner, der UNEP Generalsekretär , sagt nicht umsonst: „It is time to act now“.

    Das Video gibt sehr gut den Stand der Diskussionen wieder. Hier werden zwei wichtige Beiträge zum politischen Diskurs deutlich. Zum einen werden über den Green Economy Diskurs die Anliegen der Rio+20 also der Umwelt- und Entwicklungspolitischen Community in die Wirtschafts- Community von G20, OECD getragen. Es wird herausgestellt, dass Wachstum und Umwelt zusammengehören, erst Wachstum dann Umweltschutz funktioniert nicht. Die Grenzen des Wachstums durch die vorhandenen Ökosysteme sind bis in die Vorstandsetagen der Unternehmen vorgedrungen. Steiner hat sich dazu in einem Beitrag im Umfeld des Weltwirtschaftsgipfels in Davos geäußert. Die Wirtschaft wird ins Boot geholt, in dem Wachstumsmärkte in der Green Economy in Aussicht gestellt werden, ähnlich wie es schon beim Klimaschutz erfolgreich war. Green Economy ist im Mainstream angekommen.

    Zum anderen wird auch für Entwicklungsländer das Paradigma erst Wachstum und dann Umweltschutz in Frage gestellt, in dem Fallbeispiele aufgeführt werden, in denen Wachstum und damit Armutsbekämpfung auf der Basis natürlicher Ressourcen möglich ist bzw. stärker, dass Armutsbekämpfung mit den existierenden wachstumsorientierten Strategien z.B. in Afrika nur bedingt funktioniert hat.

    Hier steht die Diskussion beim uns vertrauten Konzept der ökologischen Modernisierung: „Weiter so mit den gleichen Mitteln“. Zum anderen wird im schon erwähnten Green Economy Report von UNEP auch ökologischer Strukturwandel in den 11 wichtigsten Sektoren gefordert. Post-Wachstum ist noch lange nicht angedacht, wenn auch mit der Idee von globalen Konsumzielen von Mohan Munasinghe, die im Umfeld der Rioplus 20 Diskussion klar wird, dass an der globalen Verteilung des Konsums gearbeitet werden muss, wenn die Ressourcen endlich sind und Entwicklungsländer ein Recht auf ein Leben ohne Armut = Wachstum haben.

    Die drei erwähnten Ansätze können so nicht nebeneinander stehen bleiben, denn sie sind gewissermaßen Stufen eines Diskurses.

  2. Pingback: Globale Fragen » Worüber reden wir denn eigentlich? Die Green Economy im Vorfeld von Rio+20

  3. Arne sagt:

    Mahlzeit, ich bin mal so frech und poste mal was auf deiner Seite. Sieht schick aus! Ich benutze auch seit kurzem WordPress einige Sachen sind mit aber noch fremd. Dein Blog ist mir da immer eine grosse Inspiration. Weitermachen!

  4. Holger Baer und Stefan Werland sagt:

    Danke!

  5. Holger Baer und Stefan Werland sagt:

    Liebe Frau Freier,
    vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Sie haben vollkommen recht, dass wir natürlich nur einen Ausschnitt einiger Experten/ zentralen Akteure anschauen – die Gesamtheit der unterschiedlichen Meinungen abzubilden würde auch den Rahmen wohl sprengen. Die drei Ansätze sollen auch eher als Webersche Idealtypen fungieren und für uns Beiträge strukturieren – und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Diskussionen zur Green Economy sichtbar machen. Es wird sicher spannend zu sehen, wohin sich der Diskurs bis Rio entwickelt und ob Themen wie Postwachstum & die von Ihnen angesprochenen Millennium Consumption Goals von Mohan Munasinghe dort auftauchen werden.

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