Von Epikur zur Suffizienz – Ein Blick in die Ideengeschichte

Die philosophische Schule des Epikur wird oft fälschlicherweise mit dem Vorwurf des radikalen Hedonismus konfrontiert, der sich aus dem von Epikur propagierten Streben nach Lust ableitet.

Dabei tut man Epikur Unrecht, indem man ihm unterstellt, er verstehe unter Lust eine unbegrenzte Befriedigung aller Begierden. In Wahrheit ist der epikureische Lustbegriff wesentlich eingeschränkter, denn er definiert sich negativ als Abwesenheit jeglicher Schmerzen (vgl. 3. Hauptlehrsatz des Epikur).

Das Ziel des guten Lebens durch einen größtmöglichen Lustgewinn lässt sich dadurch erreichen, dass man Schmerzen von sich fernhält. Der Hedonismus im epikureischen Sinne erfordert vielmehr eine maßvolle Befriedigung grundlegender Bedürfnisse als eine maßlose Befriedigung aller erdenklichen Bedürfnisse.

 

Keine Freude [=Lust, Anm. d. Verf.] ist an sich ein Übel,

doch das, was diese oder jene Freuden erst erzeugt,

kann sie auf mancherlei Art trüben.

(8. Hauptlehrsatz des Epikur, zitiert nach Mewaldt, 1965)

 

Das bedeutet, dass Maßlosigkeit in der Bedürfnisbefriedigung nach epikureischer Auffassung den Lustgewinn schnell in sein Gegenteil verkehrt. „Laut Epikur kann Vergnügen im Sinne der Befriedigung von Begierden nicht das Ziel des Lebens sein, denn auf solche Lust folge zwangsläufig Unlust, und dadurch entferne sich der Mensch von seinem wahren Ziel, der Abwesenheit von Schmerz“ (Fromm, 2009, S.16).

Epikur bietet seinen Schülern einen Leitfaden für Lust bringende Bedürfnisregulierung an, indem er die unterschiedlichen Bedürfnisse in Kategorien einteilt:

 

Alle Begierden, die keinen Schmerz hervorrufen,

wenn man sie unbefriedigt läßt,

gehören nicht zu den unbedingt notwendigen.

Das in ihnen wirkende Begehren verflüchtigt sich schnell, sobald sich zeigt,

daß sie unerfüllbar sind oder gar Schaden verursachen.

(26. Hauptlehrsatz des Epikur, zitiert nach Mewaldt, 1965)

 

Als notwendig zu befriedigende Bedürfnisse sind demnach lediglich solche zu betrachten, die ein Leben ohne schmerzliche Entbehrung – z.B. durch Hunger, Durst oder Kälte – naturgemäß verlangt.

Von ihrem Wert her stellt Epikur diese unbedingt notwendigen Bedürfnisse – die wir auch als Grundbedürfnisse bezeichnen können – über die nicht notwendigen, welche die Gefahr des unerfüllten Strebens bergen. Zudem kann eine Bedürfnisbefriedigung über das notwendige Maß hinaus Schaden verursachen (s. o.) und ist somit dem Lustempfinden abträglich.

Epikur unterteilt die nicht notwendigen Bedürfnisse zusätzlich in naturbedingte und nicht naturbedingte (vgl. 29. Hauptlehrsatz). Eine genauere Erläuterung dieser beiden Unterkategorien führt an dieser Stelle jedoch zu weit. Wichtig ist vor allem die Erkenntnis Epikurs, dass ein gutes Leben nur unter Anerkennung der natürlich gegebenen Grenzen möglich ist, und dass maßlose Bedürfnisbefriedigung dem Menschen unnötige Mühsale einbringt, die der Lust mitunter abträglich sind. So definiert Epikur folgende Auffassung von einem guten Leben:

 

Wer die Grenzen des Daseins erkannt hat, weiß,

daß all das leicht zu beschaffen ist,

was den Schmerz des Entbehrens austilgt

und das ganze Leben vollkommen macht.

Ihn verlangt also nicht nach Bemühungen,

die nur Kämpfe mit sich bringen.

(21. Hauptlehrsatz des Epikur, zitiert nach Mewaldt, 1965)

 

Epikurs Lustbegriff ist somit mit Genügsamkeit gleichzusetzen. Seine Vorstellungen zu einer guten Lebensführung decken sich zu großen Teilen mit denen moderner Suffizienz-Theoretiker. Diese gehen von der Annahme aus, dass ab einem gewissen Maß an Wohlstand weiterer Konsum nicht zu wachsender Zufriedenheit führe (vgl. Etzioni, 2011, S. 329 f.).

Epikur bemerkt zu diesem Zusammenhang zwischen Wohlstand und Lebenszufriedenheit Folgendes:

 

Das leibliche Behagen nimmt nicht mehr zu,

sobald der Schmerz des Entbehrens ausgetilgt ist,

es verfeinert sich nur.

(18. Hauptlehrsatz des Epikur, zitiert nach Mewaldt, 1965)

 

Diese Verfeinerung des Wohlbefindens vollzieht sich nach Epikur hauptsächlich auf geistiger Ebene, durch die Befreiung von Angst und Unsicherheit (vgl. u.a. 18. Hauptlehrsatz). Der Hedonismus epikureischer Ausrichtung setzt daher – anders als der am Vergnügen orientierte radikale Hedonismus – auf das Genügsame an der Lebensführung als Basis des guten Lebens (vgl. Fromm, 2009, S.16). Dieser Ansatz stimmt mit Etzionis Vorstellung von einer nachhaltigen Gesellschaft überein, „in der Selbstbescheidung nicht als Mangel empfunden wird, sondern als Ausdruck eines neuen, von einer neuartigen Wertehierarchie und einer neuen Sozialordnung getragenen Lebensstils“ (Etzioni, 2011, S. 334). Wenn man bedenkt, dass Epikur vor über 2000 Jahren gelebt hat, so erscheint dieser nachhaltige Lebensstil, basierend auf der entsprechenden Werteordnung, gar nicht so neuartig. Eine Rückbesinnung darauf ist allerdings in Anbetracht der zeitgenössischen Lebensumstände angebrachter denn je.

Quellen:

  • Etzioni, Amitai: Eine neue Charakterisierung des guten Lebens, in: Welzer, Harald und Wiegandt, Klaus (Hrsg.): Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung, Frankfurt, 2011, S. 328-338.
  • Epikur: Philosophie der Freude; Eine Auswahl aus seinen Schriften übersetzt, erläutert und eingeleitet von Johannes Mewaldt, Stuttgart, 1965.
  • Fromm, Erich: Haben oder Sein, München, 36. Auflage Februar 2009
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